Ernst Paul (1907 - 1979) - zum 95. Geburtstag

a.o.HSProf. Prof.Dr.Ernst Paul)"Ich habe drei Leben gelebt:
eines als Musiker,
eines als Wissenschafter und
eines als Komponist. "
Und in allen findet sich ein Stück Geschichte der Österreichischen Jagdmusik wieder.

Die Wiener Erstaufführung des Hornkonzertes von Richard Strauss mit dem Solisten Karl Stiegler, bewogen Ernst Paul, als Trompeter autodidakt, den Wechsel zum Waldhorn zu vollziehen, Im Frühjahr 1925 begegnete er zum ersten Mal Hofrat Karl Hugo Pusch zum Hornquartettspiel. Ein Vierteljahr später kam Ernst Paul mit Karl Stiegler in Kontakt, der ihm die Hornistenlaufbahn anriet und ihn kostenlos unterrichtete. Bereits im Herbst 1925 wirkte er bei der traditionellen St. Eustachiusfeier im Lainzer Tiergarten mit. Zu diesem Zeitpunkt begann er das Hornstudium an der Wiener Musikakademie und gleichzeitig belegte er das Fach Musikwissenschaft an der Universität Wien.

Nach Ablegung der Diplomprüfung (mit Auszeichnung) führte ihn sein erstes größeres Engagement als Solohornist nach Helsinki, Finnland (1933-1936), dann (1936/7) nach Genf (Orchestre de la Suisse Romande) und in weiterer Folge nach Ankara (1937-1944). Nach Wien zurückgekehrt, wurde Ernst Paul nach Ende des zweiten Weltkrieges als Solohornist im Großen Wiener Rundfunkorchester engagiert. 1934 erfolgte noch die Promotion zum Doktor der Philosophie. Seine Dissertation, "Das Horn in seiner Entwicklung vom Natur- zum Ventilinstrument", die eine der spannendsten und wichtigsten Phasen der Horngeschichte behandelt, ist heute noch eine wichtige Basisarbeit für die Musikforschung.
1934 begann die kontinuierliche Kompositionstätigkeit von Ernst Paul.

Bis 1954 blieb er Solohornist, und ergriff die Chance in seinen zweiten Berufszweig (Musikwissenschaft) zu wechseln, und wurde Leiter des Notenarchivs im Österreichischen Rundfunk. In den folgenden acht Jahren baute für die Ravag (Radio-Verkehrs-AG) - so die damalige Bezeichnung - eine einmalige Sammlung von über 4000 seltenen Kompositionen für den praktischen Gebrauch auf. 1962 berief man ihn zum "Musikwissenschaftlichen Referenten des Rundfunks (ORF) - eine Position, die mit seiner Pensionierung (1973) wieder gelöscht wurde. Weit über das Haus Argentinierstraße hinaus galt er als das "ungedruckte Lexikon". Daneben blieb ihm noch Zeit sich einige solistische Wünsche zu erfüllen.

ERNST PAUL ALS BLÄSER
Als Hornist setzte Ernst Paul Maßstäbe, die bis heute unerreicht blieben: 1932 Uraufführung des Hornkonzertes von Ernst Josef Matheis (4 Oktaven Tonumfang !), 1936 Uraufführung des Hornkonzertes von Friedrich Hartmann (4 ½ Oktaven und 50 Minuten Dauer !!!), 1943 Uraufführung des eigenen Hornkonzertes (4 ½ Oktaven und 40 Minuten Dauer !!!), und die (üblichen) Standardwerke wie W.A. Mozart (Nr.2 und 3) J. Haydn (Nr.1 und 2), Richard Strauss (Nr.1), B.Britten, Serenade, etc., dazu die Hornsonaten (L.v.Beethoven, P.Hindemith, C. Horn) und andere mehr.

ERNST PAUL ALS WISSENSCHAFTER
800 Aufsätze/Rundfunkmanuskripte sind von ihm erhalten, die Sammlung von Orchesterraritäten im Rundfunk, eine eigene Volksmusiksammlung (4000 Werke), und auch eine einzigartige Jagdmusiksammlung ! Mit sicherem Forscherinstinkt sichtete viele musikalische Kleinodien (vorwiegend aus Österreich), die es vermutlich heute nicht mehr gäbe. Seine richtungsweisenden Dokumentationen haben kaum an Bedeutung verloren, ja viele Thesen konnten durch Dokumente in jüngerer Vergangenheit belegt und gestützt werden.

ERNST PAUL ALS KOMPONIST
An die 1000 Kompositionen sind von ihm erhalten: Vom Opernsingspiel bis zu Kantaten, Liedern und Chören, von Symphonien bis Balletten und unzählige Werke für Kammermusik, davon sehr viele für Horn. In den meisten Fällen stand der Aufführungstermin schon fest, bevor eine Note überhaupt niedergeschrieben war. Nur ganz wenige Werke schrieb Ernst Paul aus "eigenem Drang".

Lainzer Jagdmusik im Jahre 1963 (Erste Reihe, 3. von rechts: Ernst Paul)Und in allen Phasen seines Lebens ist immer wieder ein "roter Faden" zu erkennen: die Liebe zur Österreichischen Jagdmusik:

- Sie führte ihn zum Horn und zu seinem späteren Lehrer Karl Stiegler;
- sie führte ihn zur Tradition der "Lainzer Jagdmusik", der ehemaligen Hofjagdmusik;
- in seiner Dissertation ist ein Stück Geschichte der Österreichischen Jagdmusik enthalten;
- eine der ersten Kompositionen war ein Jagdfanfare;
- er konnte es nicht begrifen, dass nach nach dem Zweiten Weltkrieg niemand - auch nicht der Neffe Karl Stieglers - Interesse an der Reaktivierung der Lainzer Jagdmusik zeigte;
- der Gedanke, dass durch das Dritte Reich die lange Tradition der Österreichischen Jagdmusik hätte ausgelöscht werden können, war für Ernst Paul unvorstellbar und mit seiner Geisteshaltung unvereinbar. Daher erfolgte nicht nur die Wiederaufnahme der St. Eustachiusfeier bei der Nokolaikapelle im Jahre 1950, sondern eine glanzvolle Renaissance alla Ernst Paul. Er suchte aus der historischen Vergangenheit zu entdecken und zu retten, was vorhanden war. Gleichzeitig ergänzte er das historische Programm mit vielen Neuschöpfungen, wobei er sich bis an die Grenzen dessen heranwagte, was auf dem Jagdhorn möglich ist. Das Ergebnis sind unter anderem die "Österreichische Jägermesse", op.155, Sinfonietta, op.182, sowie die Waldsymphonie, op.185, für Jagdhörner, die Spiegelfanfare (von Anfang und vom Ende aus zu spielen), etc. Kein Konzert der Lainzer Jagdmusik in einem "neuen" Ort, ohne neue Jagdfanfare.

Am Beginn der musikalischen Laufbahn von Ernst Paul stand das Horn und die Jagdmusik. 30 Mal gestaltete er selbst die St. Eustachiusfeiern im Lainzer Tiergarten. Die Messe bei der Nikolakapelle im September 1979, an einem für Österreichs Jagdmusik so bedeutsamen Ort, war seine letzte musikalische Huldigung des Jagdpatrones. Und am Gedächtnistag des hl. Hubertus, dem zweiten Jagdpatron, verließ er uns und hinterließ uns ein musikalisch reiches Erbe. Es ist unsere Verpflichtung, behutsam und verantwortungsbewußt damit umzugehen, es in seiner Ursprünglichkeit zu bewahren und es unverfälscht an die Zukuft weiterzugeben.

Fotos: Ernst Paul (Protrait) und die Lainzer Jagdmusik im Jahre 1963

Text & Fotos: © Mag. Bernhard Paul

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