Joseph Schantl - zum 100. Todestag

Der vorliegende Artikel wurde für Österreichs Weidwerk (Heft 5, Wien,2002) verfasst, und war Mai 2002 auf www.weidwerk.at online.

Eine unbestritten herausragende Persönlichkeit in der Geschichte der österreichischen Jagdmusik ist Joseph Schantl. Er bewirkte, daß die Tradition der österreichischen Jagdmusik aufrechterhalten bzw. neu belebt wurde. Und er hinterließ einen musikalischen Notenschatz, um den uns andere Nationen beneiden. – Ein Porträt eines großen Musikers.

Joseph Schantl wird die Begründung der österreichischen Jagdmusik bzw. der k. k. Hofjagdmusik zugeschrieben. Der Umstand, daß Schantl neue Fanfaren für den Makartfestzug schrieb, führte zu der irrigen Annahme, es hätte keine älteren Kompositionen gegeben, es hätte zuvor keine kaiserliche Jagdmusik existiert. Es gibt hingegen viele Dokumente, die auf eine kontinuierliche Pflege der Jagdmusik am kaiserlichen Hofe seit dem Ende des 17. Jahrhunderts hinweisen.

Josef Schantl - Carl Zellner: Die österreichische Jagdmusik, Prunkausgabe (Privatbesitz)Das Schantl-Quartett

Erst am 14. Jänner 1879 fiel der endgültige Entschluß, anläßlich der silbernen Hochzeit von Kaiser Franz Joseph und seiner Gemahlin Elisabeth einen Festzug abzuhalten, der am 27. 4. 1879 realisiert wurde. Es blieb also wenig Zeit zwischen Idee und Ausführung. Der Wiener Historienmaler Hans Makart erstellte nach Albrecht Dürers Vorbild des „Maximilian-Festzuges“ die Entwürfe. Der Vorliebe des Kaisers für die Jagd entsprechend waren zwei Abteilungen des Zuges der Jagd gewidmet: die „historische Jagd“ und die „Hochgebirgsjagd“. Eine Darstellung des Weidwerks ohne Hörnerklang schien den Mentoren Hans Graf Wilczek, August Graf Breunner-Enckevoerth und Oberstjägermeister Hugo Graf von Abensperg und Traun undenkbar. Es gab also ein Bewußtsein für Jagdmusik, und es gab ja auch die Instrumente. Ein Jahr zuvor trat eine „Jagdmusikgruppe aus Wien“ bei der Jagdausstellung in Berlin auf. Nur die vorhandenen Jagdmusikstücke entsprachen nicht den hochgesteckten Intentionen der Veranstalter. Daher lag es nahe, daß Hans Graf Wilczek, der mit Schantl schon seit Jahren in Kontakt stand, gerade dieses Quartett von Berufsmusikern für die musikalische Gestaltung wählte. So ergriff Schantl die einmalige Gelegenheit, sich auch als Komponist präsentieren zu können. Innerhalb weniger Wochen entstanden 13 Fanfaren – u. a. auch eine für Kaiser Franz Joseph mit dem Beginn der Kaiserhymne –, die beim Festzug erstmals erklangen. Der Erfolg des Schantl-Quartetts bewirkte eine Renaissance der Jagdmusik in Österreich. Neue Jagdhornbläsergruppen formierten sich, alte Traditionen, wie die St.-Eustachius-Feier der k. k. Hofjagdmusik, wurden „nach mehrjähriger Unterbrechung“ neu belebt: Joseph Schantl komponierte eine stimmungsvolle St.-Eustachius-Messe. Seine Dienste in der Hofoper und Hofmusikkapelle sowie seine Lehrtätigkeit ließen Schantl wenig Zeit, der kaiserlichen Hofjagdmusik und deren Leiter Forstmeister Adolf Herzog – nach dem Neuaufbau – öfter zur Verfügung zu stehen. Er sorgte aber dafür, daß bessere Jagdhörner angekauft wurden.

Fanfaren & Jagdstücke

In Erinnerung an den Makart-Festzug regte Hans Graf Wilczek an, allen teilnehmenden adeligen Herren (nachträglich) eine Jagdfanfare zu widmen. Bis zum Erscheinungsdatum, 1886, entstanden jene 37 weiteren Fanfaren, die, zusammen mit jenen vom Festzug in der prunkvollen Publikation „Die österreichische Jagdmusik“, erschienen sind. In den folgenden Jahren schrieb Schantl mehr als zwei Dutzend weitere Jagdhornstücke, von denen die „Grafenegger Schloßfanfare“ und der „Auhofer Jägermarsch“ besonders erwähnenswert sind. Dem Beispiel Schantls folgend, komponierten auch andere Liebhaber der Jagdmusik neue Jagdhornstücke.

In den Programmen der kaiserlichen Hofjagdmusik – in der Folge k. k. Lainzer Jagdmusik genannt – dominieren seit dem Makart-Festzug die Kompositionen Schantls, doch vereinzelt finden sich auch Fanfaren aus vorangegangenen Zeiten. Merkwürdigerweise fehlen aber jene zeitgenössischen Werke anderer Komponisten, die Schantl wohl bekannt gewesen sein mußten. Einzige Ausnahme ist „Jägers Wanderliedchen“ von Anton Wunderer. Bei hohen Anlässen erhielten die kaiserlichen Bläser Unterstützung durch Berufsmusiker.
Große Anerkennung erwarb sich das Schantl-Quartett am 26. August 1885 anläßlich einer „Jagd im Thiergarten“ von Kremsier (Mähren) bei einem familiären Kaisertreffen: Kaiserin Elisabeth und die Kaiserin von Rußland bewunderten ebenso wie Kaiser Franz Joseph namentlich das Pianissimo, das auf den Waldhörnern herauszubringen man nie für möglich gehalten hätte.

Jägerhymne

Zum 40jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs, 1888, an dem sich auch die Jägerschaft aus Wien und Niederösterreich beteiligte, vertonte Joseph Schantl die Textvorlage von Joseph Weigl („Schmetternd tönt durch die Lüfte der Jäger Horn“) für Waldhornquartett, Posaune und Männerchor, die mit einer Jagdfanfare eingeleitet wird. Diese
„Oesterreichische Jäger-Hymne“ ist übrigens die einzige bekannte Vokalkomposition Schantls. Zehn Jahre später, am 25. Juni 1898, huldigten Österreichs Weidmänner Kaiser Franz Joseph zum 50jährigen Regierungsjubiläum mit einem Jagdhornkonzert. 50 Hornisten – 28 (!) der „kaiserlichen Jägerei“ und 22 des „Wiener Hornistenclub“ – begleiteten den Festtag in Schönbrunn. Dabei ist es interessant, daß Schantl nicht die kaiserlichen Bläser leitete, sondern nur die Stücke, bei denen alle Bläser gemeinsam spielten. Für diesen Anlaß komponierte er zwei neue Stücke: die Fanfare „Leo Freiherr von Gudenus“ (k. k. Oberstjägermeister seit 1897), die von der „kaiserlichen Jägerei“ unter Leitung von Forstmeister Adolf Herzog (!), sowie die Fanfare „Karl Fürst Auersperg“, die allerdings vom „Wiener Waldhornclub“ unter Leitung des Komponisten zum ersten Mal aufgeführt wurden. Es war wohl das letzte Mal, daß Joseph Schantl in offizieller Funktion mitwirkte.

Professor Schantl galt als Autorität auf seinem von ihm meisterhaft beherrschten Instrument und selbst der italienische Komponist Leoncavallo (Ruggiero Leoncavallo 1858–1919) fühlte sich wiederholt veranlaßt, den Leistungen der von Schantl angeführten Waldhornbläser der Wiener Hofoper seine Bewunderung zu bezeugen. Solche Zitate belegen Schantls außergewöhnliche musikalische Leistungen. Durch seine musikalische Lehrtätigkeit steigerte er das künstlerische Niveau der k. k. Hofjagdmusik und bewirkte, daß die Tradition der österreichischen Jagdmusik aufrechterhalten und neu belebt wurde.

Porträt:Joseph  Schantl Holzschnitt, um 1891)

 

Am 8. Februar 1842 in Graz geboren, wuchs Joseph Schantl in einer Musikerfamilie auf. Großvater Franz Xaver (1778–1828) lebte als Landmusiker in der Südsteiermark, Onkel Franz Xaver jun. (1808–1874) war ab 1838 erster Hornist am städtischen Theater in Graz. Vater Florian (1810–1894), ebenfalls Hornist am Grazer Theater, unterrichtete ab 1851 an der Schule des „Musikvereines für Steiermark“. Hier hat Joseph 1857 seine Ausbildung als Hornist mit Diplom abgeschlossen. Am 1. Oktober 1870 trat Schantl als Hornist – die Ernennung zum Solohornisten erfolgte erst später – in das Orchester der k. k. Hofoper in Wien ein, wo er bis zur Pensionierung am 1. Februar 1895 wirkte. Bald nach seinem Dienstantritt begründete er mit philharmonischen Kollegen ein Hornquartett, mit dem er Tourneen innerhalb der Monarchie, aber auch in die Schweiz und nach Deutschland unternahm. Anfang 1879 – also noch vor dem Makart-Festzug – erschien die erste gedruckte Ausgabe des „Repertoires des Waldhornquartetts des k. k. Hof-Opern-Orchesters in Wien“, das u. a. das „Andante aus der Sonate pathétique“ von Ludwig van Beethoven, die „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“ von Robert Schumann, das „Abendläuten“ von Franz Doppler sowie die Eigenkomposition „Alpenklänge“ enthielt.

1878 wurde Schantl auch Mitglied der Hofmusikkapelle, dem Orchester der Hofkapelle. 1884/85 folgte er Wilhelm Kleinecke als Professor für Horn am Konservatorium (heute Universität für Musik und darstellende Kunst) nach, wo er bis Sommer 1899 – im letzten Jahr parallel mit Emil Wipperich – unterrichtete.

Am 22. März 1902 verstarb Joseph Schantl in Viehdorf bei Amstetten.

Text & Fotos: © Mag. Bernhard Paul

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