Karl Stiegler - zum 70. Todestag

Der vorliegende Artikel wurde für Österreichs Weidwerk (Heft 6, Wien,2002) verfasst, und war Juni 2002 auf www.weidwerk.at online

Karl Stiegler ist es zu danken, daß die lange Tradition der österreichischen Jagdmusik nicht mit der Monarchie unterging, sondern auch in der neuen Zeit weiterlebte. Es ist sein Verdienst und das seiner Schüler, daß das österreichische Jagdhorn nicht zur Gänze verschwunden ist.

Jagdhorngruppe der Lainzer Jagdmusik um 1923 (Prof. Karl Stiegler, sitzend, 3. von links)Die zeitweilige „Instruktion“ der k. k. Hofjagdmusik übernahm Karl Stiegler von Heinrich Schantl (1873–1937), einem Neffen von Joseph, als dieser 1910 nach Graz übersiedelte (siehe dazu auch WEIDWERK 5/2002). Seinen ersten großen Auftritt in der neuen Funktion hatte Stiegler bei der „Int. Jagdausstellung“ in Wien. Karl Stiegler wollte als „Obmann des Fanfarenkomitees“ bei dieser Jagdausstellung eine Art Wettbewerb von allen österreichischen und ausländischen Jagdhornbläsergruppen durchführen, doch stieß er mit dieser Idee bei den Verantwortlichen auf kein Verständnis. Und auch der Plan einer Ausstellung über die Entwicklungsgeschichte des Hornes blieb unerfüllt. Verwirklicht wurde hingegen ein „Fanfaren-Konzert“ am 15. Juni 1910. Für diesen Anlaß komponierte Karl Stiegler die „Mürzsteger Schloß-Fanfare“, benannt nach dem kaiserlichen Jagdschloß in der Steiermark. Doch die Uraufführung dirigierte nicht er selbst, sondern k. k. Forstmeister Adolf Herzog, der musikalische Leiter der „Jagdmusik aus dem k. k. Lainzer Tiergarten“. Den 1. Teil des Konzertes (5 Fanfaren) bestritten die 12 kaiserlichen Jagdhornisten, den 2. Teil (4 Fanfaren) die Jagdmusik (8 Bläser) des Grafen Breunner-Enckevoerth, jeweils unter ihrem eigenen Leiter, und erst der 3. Teil (4 Fanfaren), wo beide Gruppen gemeinsam bliesen, stand unter Leitung von Karl Stiegler. Den Abschluß bildete ein Ventilhornprogramm, zu dem Karl Stiegler 20 Berufshornisten aus den Wiener Theatern engagierte. Eingeleitet wurde dieser letzte Teil mit einer von Karl Stiegler neu komponierten Jagdfanfare, gewidmet „Seiner Durchlaucht Max Egon Fürst zu Fürstenberg“. Hier begann ein neuer, gemeinsamer Weg: Jagdmusik war nicht mehr Mittelpunkt, sondern nur mehr ein Teil der Hornmusik, manchmal sogar nur ein kleiner.

Für den alten Brauch der St.-Eustachius-Feier – er geht bis ins 15. Jahrhundert zurück – komponierte Stiegler eine Jagdhorn-Messe („St. Eustachius“), die am 20. September 1911 bei der Nikolaikapelle von der k. k. Lainzer Jagdmusik zum ersten Mal gespielt wurde. Forst-meister Adolf Herzog, der durch 37 Jahre die kaiserliche Jagdmusik leitete, wurde durch Karl Stiegler – vor allem bei der musikalischen Aus- und Weiterbildung – unterstützt und gefördert, indem sich dieser persönlich „bei besonderen Anlässen beteiligte“.

Die ein Jahrhundert zuvor entstandene Idee von Eduard Kenesch (erster Hornist der Johann-Strauß-Kapelle), auch außerhalb des jagdlichen Geschehens eigene Jagdhorn-Konzerte aufzuführen, fand ihre örtliche Renaissance bei der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten. Auch hier wurde ein gemischtes Programm von Jagd- und Waldhornmusik geboten.

Der Untergang der Monarchie bedeutete einen tiefen Einschnitt in die österreichische Jagdmusikpflege. Dazu vermerkte Franz Wojtech, Forstmeister des Lainzer Tiergartens von 1919–1934: „Nach dem Kriege war es mein Bestreben, die am Leben gebliebenen ehemaligen Waldhornbläser zu sammeln und neue Kräfte anzuwerben. Daß die ehemalige Waldhornmusik heute wieder als Lainzer Jagdmusik neu ins Leben gerufen wurde, ist allererst dem früheren Instruktor der alten Waldhornmusik, dem Herrn Regierungsrat Prof. Karl Stiegler, zu verdanken, der mich bei meinen Bestrebungen bereitwilligst sowie uneigennützig unterstützte und nun auch alle Proben und Aufführungen persönlich leitete.“ Das berühmte Stiegler Hornquintett (rechts Prof. Karl Stiegler)

Dennoch vergingen Jahre, bis die Tradition der St.-Eustachius-Feier am 20. September 1923 wieder aufgenommen werden konnte. Verstärkung der einstmals kaiserlichen Lainzer Jagdmusik holte sich Stiegler von den Schülern seines „Amateur-Hornkurses“ und durch Berufsmusiker. Die uns erhalten gebliebenen Programme lassen erkennen, daß der musikalische Schwerpunkt zunehmend von der Jagdmusik zugunsten einer populären Ventilhornmusik verlagert wurde. Unbestritten bleibt, daß das künstlerische Niveau durch die Mitwirkung von Berufshornisten angehoben wurde.

Als Karl Stiegler völlig unerwartet am 5. Juni 1932 starb, führte sein treuer Weggefährte, Hofrat Karl Hugo Pusch, sein Lebenswerk über ein Jahrzehnt weiter. Erst in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges fand keine St.-Eustachius-Messe mehr statt. Karl Hugo Pusch verstarb auch 64jährig am 15. August 1944.

Karl Stiegler war – wie andere Hornisten auch – immer auf der Suche nach interessanten Hornnoten; sei es bei seinen Auslandstourneen oder auch im Lande selbst. Nach Angaben von Hofrat Pusch sammelte Stiegler im Laufe der Jahre „350 Jagdfanfaren, 100 Waldstücke und etwa 120 historische Waldweisen ... das heißt alle existierenden österreichischen Jagdfanfaren und sonstigen musikalisch wertvollen Waldesweisen“. Doch in den Programmen findet sich höchst selten eine jener historischen Kompositionen.

Wie seine Vorgänger schrieb Karl Stiegler neben den Jägermessen (für Jagd- bzw. Ventilhorn) eine Reihe von wunderschönen Jagdfanfaren, wie die oben erwähnte „Mürzsteger Schloß-Fanfare“, das „Waldecho“, „Burg Kreuzenstein“, „Schloß Schönbrunn“, „In Signo St. Huberti“, „Bergland“, den Jägermarsch „Waidmanns-Lust“ u. a. m., und widmete den Jägerheiligen „St. Eustachius“ und „St. Hubertus“ sowie dem Bundespräsidenten Michael Hainisch, Forstmeister Adolf Herzog und dessen Nachfolger Regierungsrat Franz Wojtech eigene Musikstücke.

Porträt:Prof. Karl Stiegler

Karl Stiegler, geboren am 26. Jänner 1876 als Sohn des Archivars der Wiener Hofoper, begann als 13jähriger mit dem Hornstudium bei Professor Joseph Schantl am Konservatorium für Musik in Wien.
Nach seiner Diplomprüfung, die er am 12. Juni 1894 mit Auszeichnung ablegte, erhielt er sein erstes Engagement in der Kapelle von Eduard Strauß und wurde ein Jahr später als erster Hornist an das königliche Hoftheater in Wiesbaden geholt.
Gustav Mahler überredete Stiegler 1899, nach Wien zu übersiedeln, wo er am 1. August in das k. k. Hofopernorchester eintrat und in der Folge zum Solohornisten ernannt wurde.
Ab 1915 wirkte er zusätzlich in der Hofmusikkapelle mit.
Wie sein Lehrer Joseph Schantl gründete auch Stiegler sein eigenes Hornquartett und ergänzte später das Ensemble mit einem fünften (tiefen) Hornisten.
Seine ersten Erfahrungen als Pädagoge sammelte Stiegler von 1900 bis 1914 am „Neuen Wiener Konservatorium“, und ab dem Jahre 1917 unterrichtete er an der Musikakademie, wo er Emil Wipperich nachfolgte.
Stieglers internationaler Ruf als außergewöhnlicher Hornist und als Lehrer ist bis heute – 70 Jahre nach seinem Tode – ungebrochen.

Text & Fotos: © Mag. Bernhard Paul

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